Multiple Sklerose

Wenn Atmung, Wasser und Nervensystem zusammenspielen

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Vereinfacht gesagt: An verschiedenen Stellen im Gehirn und Rückenmark werden Nervenfasern und ihre schützende Myelinschicht angegriffen. Signalübertragung wird langsamer oder „rauschiger“.

In diesem Artikel schauen wir uns an, warum Freediving Menschen mit Multipler Sklerose helfen kann – nicht als Wundermittel, sondern als spezielles Trainings- und Erfahrungsfeld, das erstaunlich gut zu dem passt, was Forschung zu MS, Bewegung und Atmung zeigt.

Die folgenden Artikel dienen lediglich Informationszwecken. Für medizinische Beratung oder eine Diagnose solltest du dich an einen Experten wenden.

Warum Freediving Menschen mit MS helfen kann

Atmung & autonomes Nervensystem – runter vom Dauerstress

Multiple Sklerose betrifft das zentrale Nervensystem – Leitfähigkeit, Gleichgewicht, Fatigue, Stressresistenz. Genau hier setzt Freitauchen indirekt an: Du arbeitest mit kontrollierter Atmung, bewusst gesetzten Atempausen und langsamen, ökonomischen Bewegungen im Wasser. Das aktiviert den Tauchreflex, senkt die Herzfrequenz und trainiert dein autonomes Nervensystem: weg vom Daueralarm, hin zu mehr Parasympathikus, Ruhe und besserer Regulation. Gleichzeitig ist Wasser ein gelenkschonender Trainingsraum; Auftrieb und Widerstand ermöglichen Kraft-, Koordinations- und Ausdauerreize, ohne den Körper zu überlasten – ein wichtiger Punkt, wenn Fatigue und Hitzeempfindlichkeit eine Rolle spielen.

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Was die Wissenschaft dazu sagt

Bewegung, Atmung und Neuroplastizität bei MS

Studien zeigen klar: Regelmäßige, dosierte Bewegung verbessert bei MS Ausdauer, Muskelkraft, Gleichgewicht, Fatigue und Lebensqualität; Atem- und Atemmuskeltraining unterstützt zusätzlich die Atemökonomie und reduziert Erschöpfung. Auch das autonome Nervensystem reagiert auf Training – Herzratenvariabilität und Stressverarbeitung können sich verbessern. Freediving bündelt viele dieser Bausteine: Du trainierst Atemmuskulatur, CO₂-Toleranz, kardiovaskuläre Anpassungen und gleichzeitig Fokus, Körperwahrnehmung und Stressregulation. Jeder Tauchgang ist damit eine Art praktisches Neurotraining: Du erfährst im eigenen Körper, dass er trotz Diagnose zu Kontrolle, Präzision und Anpassung fähig ist.

Anna-Karina - ein Fallbeispiel

Freediving nicht als Wunderheilung - aber ein klarer, gesunder Lebensstil

Die Geschichte von Anna-Karina Schmitt zeigt, wie das in der Praxis aussehen kann. Trotz MS-Diagnose hat sie sich mit Freitauchen eine Welt erschlossen, in der sie ihren Körper nicht als „kaputt“, sondern als trainierbar erlebt – mit Weltrekorden im See und einem weitgehend medikamentenfreien Alltag. Entscheidend ist dabei nicht der Rekord, sondern der Weg: konsequentes Atemtraining, sorgfältige Belastungssteuerung, ein klarer, gesunder Lebensstil und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit unter Wasser. Freediving heilt keine MS, kann aber – eingebettet in medizinische Betreuung und klug dosiert – zu einem extrem wertvollen Baustein werden: für weniger Stress, bessere Körperwahrnehmung, mehr Bewegungsfreude und eine Identität, die weit über die Diagnose hinausgeht. Physiologisch passiert dabei eine Menge: Die sogenannte Tauchreaktion („diving response“) fährt den Puls runter, beeinflusst periphere Gefäße und lenkt Blut in Richtung Herz und Gehirn. Gleichzeitig kann – über wiederholtes Apnoe-Training – die Sauerstoffökonomie des Körpers verbessert werden, u. a. über Anpassungen im Blutvolumen, in der Milz und in der Nutzung der Sauerstoffspeicher.

Freediving ist bei MS selbstverständlich nicht der einzige Weg. Aber für manche – wie Anna-Karina – ist es ein unglaublich kraftvoller.
Wenn du neugierig geworden bist und wissen willst, wie Atmung, Sauerstoff, Kohlendioxyd und Nervensystem zusammenhängen, schau dir auch meine anderen Artikel an, z. b. „Sauerstoff und Kohlendioxyd“.
Und übrigens: Während Freediving so etwas wie der tiefste, verdichtete Erfahrungsraum für Atmung, Nervensystem und Bewegung ist, holt das oxykinetische Training genau diese Prinzipien an die Oberfläche und macht sie im Alltag und auf der Matte systematisch trainierbar – auch (und gerade) für Menschen mit MS.

Oxykinetisches Training bei MS

Gezielte Reize für Nervensystem, Atmung und Muskulatur - ohne Abzutauchen

Oxykinetisches Training greift genau dort an, wo MS besonders spürbar ist: bei der Feinabstimmung zwischen Nervensystem, Atmung und Muskulatur. Durch bewusst gesteuerte Atemmuster, kurze Phasen reduzierter Atmung und präzise dosierte Bewegungen entstehen Trainingsreize, die das autonome Nervensystem fordern, ohne den Körper zu überlasten. Für Menschen mit MS kann das bedeuten: weniger „Dauer-Alarm“, mehr parasympathische Aktivität, ein ruhigerer Puls und ein besser regulierter Blutdruck – also genau jene Faktoren, die mit Fatigue, Erschöpfbarkeit und Stressempfinden zusammenhängen. Gleichzeitig arbeitet die Muskulatur in klar strukturierten, eher technisch orientierten Bewegungsabläufen, häufig mit moderater Last und hoher Koordinationsanforderung. So werden Kraft, Gleichgewicht und Körperwahrnehmung geschult, ohne das System zu „sprengen“. Entscheidend ist die Kombination: Oxykinetik nutzt Atemsteuerung, CO₂-Toleranz, sanfte, aber gezielte Belastung und bewusste Entspannung als zusammenhängendes Konzept. Für Menschen mit MS kann das zu einem spürbar besseren Gefühl von innerer Stabilität, mehr Bewegungsfreude und einem alltagstauglichen Plus an Energie und Kontrolle führen – an guten Tagen, um mehr zu wagen, und an schlechten Tagen, um nicht komplett aus dem Rhythmus zu fallen.

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